16/05/2021
Ich war ein paar Tage bei meiner Familie. Zuhause sein heißt für mich auch immer, dass ich mich in Erinnerungen verliere. So musste ich in den vergangenen Tage an all die Gespräche mit meinem Papa denken, die wir über Palästina/Israel geführt haben. Ich habe es schon als Kind nicht einsehen wollen und werde es auch weiterhin nicht einsehen.
Wie kann man keine Lösung finden (wollen)? Wie kann man diesen pseudo-friedlichen Zustand immer und immer wieder hinnehmen, bis das Fass -gerechtfertigt oder nicht- überläuft und Raketen fliegen? Wie kann man den Extremisten die Möglichkeit geben, ihren Hass auszuleben? Wie kann man so viele unschuldige Menschen im Stich lassen… Denn die meisten Menschen, die ich bei meinen etlichen Besuchen in Palästina/Israel kennengelernt habe, wollen Ruhe. Sie wollen Frieden. Sie wollen das Leben leben. Sie wollen eine faire Lösung.
Neben dem familiären Twitterverbot war es aber auch eine gewisse Ohnmacht, die mich in den letzten Tagen hat schweigen lassen. Ohnmacht darüber, was im Nahen Osten passiert, aber auch darüber, wie die diversen Seiten -analog und digital- mit Hass, Verkürzung, absichtlichen Fehldeutungen, Unterstellungen, Anschuldigungen, Zynismus, ausgelebtem Antisemitismus, plumper Islamfeindlichkeit, vorgegaukelter Solidarität und Unwissenheit alles noch schlimmer machen. Es gibt Themen, die sind einfach nicht für 280 Zeilen geeignet. Danke Schwester, ansonsten wäre ich mitten drin gewesen - in diesem nichtsbringenden Wahnsinn.
Hier meine 5 Cent:
Wer nicht (an)erkennen will, dass es Schuld und Unschuld auf israelischer und palästinensicher Seiten gab und gibt, begeht in meinen Augen schon den ersten Fehler.
Wer verkennt, dass es Rechte und Pflichte auf israelischer und palästinensicher Seite gab und gibt, sollte seine eigene Haltung prüfen.
Wer glaubt, die radikale sunnitisch-islamistische Hamas sei eine Art Selbstverteidigung, glaubt auch, dass 2 plus 2 fünf ist.
Wer glaubt, israelische Flaggen anzuzünden, und das auch noch vor einer Synagoge, sei Ausdruck von Wut gegen die rechtsnationale Politik, der sollte noch mal „antiisraelisch“ und „antisemitisch“ googeln. Wut rechtfertigt nichts davon.
Wut rechtfertigt allerdings Mitgefühl und Solidarität mit all den Opfern und Verletzten im gesamten Land. Mit all den Menschen, die sich in Bunkern verstecken müssen. Mit all den Menschen, die im Gazastreifen leiden, dort seit Ewigkeiten hermetisch abgeriegelt und dann auch noch von der Hamas als Schutzschilde missbraucht werden.
Wut rechtfertigt auch harte Kritik an der Regierung und der Politik Israels. Und sie wird geäußert. Von israelischen Arabern, arabischen Israelis, jüdischen Israelis, israelischen Juden, arabischen Juden – oder einfach von Menschen.
Und von diesen Menschen habe ich gelernt, dass ich mich auch für keine „Seite“ entscheiden muss. Ich kann für Israel sein, ohne gegen Palästina zu sein. Ich kann für Palästina sein, ohne gegen Israel zu sein. Es ist kein „entweder-oder“, sondern mal wieder ein „sowohl-als-auch“.
Meine Seite sind also all die Menschen, mag es noch so naiv klingen, die eine gemeinsame Lösung suchen und wollen. All die Menschen, die im heiligen Land einfach nur friedlich mit oder nebeneinander leben wollen. Und es gibt sie.
Schauen Sie sich all die Projekte an, die seit vielen Jahren versuchen Hass und Vorurteile, die mitunter von Generation zu Generation weitergegeben werden, abzubauen. Sie sind ein Anfang. Aber was nutzt es, das Gemeinsame, das Verbindende, das Interkulturelle zu stärken, wenn „Politik“ auf dem Rücken von Menschen ausgetragen wird und Extremisten sich an den Wunden erfreuen.
Ja, es ist eine komplexe und komplizierte Lage. Aber es braucht dringend dringend dringend ENDLICH eine Lösung und kein Pflaster! Für meinen Dad wird sie zu spät kommen, weil der Tod zu früh kam. So konnte ich ihm leider seinen großen Wunsch nicht erfüllen: einmal Jerusalem und Bethlehem erleben. Aber ich werde es gerne erneut mit meinen Freunden in deinem Sinne tun – Coexist!
Salam & Shalom,
dh
Weil ich gesehen habe, was für Sh*tstorms losgetreten worden sind, weil man sich nicht von Gewalt, Bomben, Raketen, brennenden Fahnen, Angriffe auf Zivilisten und Poliziste*innen distanziert hat -was für anständige Menschen selbstverständlich und daher unnötig ist- kommt mein alter Spruch: ich verurteile jede Form von Gewalt - egal von wem, egal gegen wen.