13/10/2026
THE SISTERS OF MERCY in Braunschweigs wohl coolster und kultigster Industrielocation
Mit Soft Palms im Schön & Frölich. Ein Konzertabend voller Nebel, Nostalgie und überraschend viel Begeisterung.
Wow, The Sisters of Mercy live in Braunschweig! Und dann auch noch in dieser Kultlocation! Gleich zwei Dinge, die mich seit meiner Jugend begleiten und musikalisch wie kulturell geprägt haben.
Wie sehr habe ich mich darüber gefreut, dass mein ehemaliges zweites Wohnzimmer, das Jolly Joker, wieder für solche Konzerte geöffnet ist! Vor über 30 Jahren war ich hier zum ersten Mal und habe seitdem unzählige besondere Abende erlebt. Heute heißt die Location Schön & Frölich. Die alte Industriehalle hat einfach Charakter und bietet gerade für solche Veranstaltungen den perfekten Rahmen. Ein großes Dankeschön an Paul Kunze und sein Team, die das Ganze wieder möglich gemacht haben! Ich hoffe wirklich, dass uns dieser Ort lange erhalten bleibt. Gerade in Braunschweig, wo es für die Kulturszene ohnehin immer schwieriger wird, brauchen wir solche Hallen, in denen Menschen zusammenkommen und besondere Momente erleben können. Umso wichtiger ist es, dass auch künftig in ihren Erhalt und eine lebendige Kulturszene investiert wird. Und was die Musik angeht: Eine meiner Lieblingsbands in meiner alten Kultlocation? Her mit der Eintrittskarte! The Sisters of Mercy begleiten mich schließlich seit 1987. Und wenn ich mir heute überlege, dass wir zu Songs tanzen, die teilweise schon über 40 Jahre alt sind, ist das irgendwie ziemlich verrückt. Und ziemlich cool!
Soft Palms: Zu zweit und ziemlich durchgeknallt
Den Abend eröffneten Soft Palms, ein Duo aus Kalifornien.
Als die beiden auf die Bühne kamen, war ich erst einmal etwas verwundert. Nur eine Sängerin mit Gitarre und ein Schlagzeuger? Okay, mal sehen, was da kommt. Und die beiden hatten es durchaus in sich! Der Schlagzeuger spielte kraftvoll und präzise, während die Sängerin nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch mit ziemlich coolen, eingängigen Gitarrenriffs überzeugte. Der Sound erinnerte mich stellenweise an den Goth Rock von damals, hatte aber durchaus seinen eigenen Charakter. Dazu kam ihre herrlich durchgeknallte, teilweise exzessive und dramatische Bühnenpräsenz. Sie erinnerte mich sofort an Babes in Toyland. Genau diese Mischung aus musikalischem Können und einer gewissen Verrücktheit mag ich. Natürlich merkte man stellenweise, dass der Bass fehlte. Trotzdem haben die beiden mit ihrer Energie das Publikum mitgerissen. Auch das Licht war hervorragend auf ihren Auftritt abgestimmt.
The Sisters of Mercy: Nebel an, Licht aus, Gänsehaut!
Ich gebe zu, ich war gespannt, aber auch ein bisschen skeptisch. Bei meinem damaligen Besuch auf dem M'era Luna hatten mich The Sisters of Mercy eher enttäuscht. Vielleicht lag es auch an der großen Festivalwiese und der Stimmung dort. Diesmal war ich
jedenfalls positiv überrascht. Mich haben die Sisters überzeugt, auch wenn die Meinungen über ihre Liveauftritte durchaus auseinandergehen. Düsteres, mystisches Licht, jede Menge Nebel und diese besondere Ausstrahlung, die einfach zu The Sisters of Mercy gehört. Das gesamte Bühnenbild war beeindruckend und
kam in der alten Industriehalle hervorragend zur Geltung.
Andrew Eldritch war auf seine typische, geheimnisvolle und etwas unnahbare Art präsent. Seine Stimme hätte stellenweise etwas lauter sein dürfen, insgesamt fand ich sie aber völlig okay. Sein unverwechselbarer Gesang gehörte schließlich genauso dazu
wie der Nebel. Auch die beiden Gitarristen Ben Christo und Kai haben mit ihrem Gitarrenspiel und ihrer intensiven, teilweise ziemlich krassen Bühnenpräsenz überzeugt. Beide passten mit
ihrer charismatischen Art hervorragend zum Gesamtbild. Ihre zusätzlichen Gesangsparts bildeten einen reizvollen Kontrast zu Andrew Eldritchs tiefer Stimme. Musikalisch war natürlich einiges vorprogrammiert. Bass, Schlagzeug und Keyboard liefen überwiegend über eingespielte Spuren. Doktor Avalanche, der legendäre Drumcomputer der Sisters, gehört schließlich schon lange zum Konzept. Das nimmt einem Livekonzert allerdings auch ein Stück seiner Spontaneität. Ich mag es einfach, wenn Musiker miteinander spielen, aufeinander reagieren, vielleicht noch ein
Solo dranhängen oder einen Song spontan etwas länger laufen lassen. Gerade diese ungeplanten Momente machen Livemusik für mich lebendig und einzigartig. Manche Songs hätten deshalb ruhig in einer längeren Version gespielt werden können, um sie noch ein bisschen mehr genießen zu können.
Die Klassiker? Waren dabei!
Die Songauswahl hat mich absolut begeistert. Alice, Marian, More und sogar Giving Ground von The Sisterhood. Die Band hatte wirklich die richtigen Kracher im Programm! Besonders bei This Corrosion war die Stimmung im Publikum großartig. Einer dieser Songs, bei denen man sofort wieder mittendrin ist, egal wie viele Jahre vergangen sind. Under the Gun hätte ich vielleicht auch noch gerne gehört. Aber musikalisch war das für mich ein rundum gelungenes Programm. Die Halle war ausverkauft, die Stimmung gut. Das Publikum war aufmerksam, es wurde mitgesungen, kräftig applaudiert und natürlich auch eine Zugabe gefordert. Beide Bands konzentrierten sich vor allem auf ihre Musik und Bühnenpräsenz. Der direkte Austausch mit dem Publikum blieb eher zurückhaltend, was bei The Sisters of Mercy allerdings auch gut zur mystischen Inszenierung passte. Der Sound war kraftvoll, ordentlich laut und insgesamt gut abgemischt. Die einzelnen Instrumente und Stimmen waren klar zu unterscheiden. Besonders begeistert hat mich das Lichtkonzept. Die Kombination aus Farben, Nebel und Musik war hervorragend aufeinander abgestimmt und machte die Show auch visuell zu einem Erlebnis.
Zeitlos, düster und verdammt mitreißend!
Ich hätte damals wohl kaum gedacht, dass ich Jahrzehnte später noch immer zu The Sisters of Mercy tanzen würde. Und jetzt stehe ich hier, höre diese unverwechselbaren Gitarren, Andrew Eldritchs tiefe Stimme und bin sofort wieder mittendrin. Diese Musik hat mich durch so viele Jahre begleitet und fasziniert mich heute noch genauso wie früher. Ein Blick ins Publikum verrät: Wir sind mit dieser Musik gemeinsam älter geworden. Aber die Faszination und Begeisterung sind immer noch genauso groß! Für mich bleiben The Sisters of Mercy einfach Kult. Zeitlos, düster und verdammt mitreißend!
Meine Erwartungen wurden deutlich übertroffen. Ich würde sofort wieder hingehen!
Dazu beigetragen haben beide Bands, die Musik, das großartige Licht und natürlich auch das Schön & Frölich mit seiner genialen Industriehallenatmosphäre. Für mich war es ein rundum gelungener Konzertabend, der meine Erwartungen deutlich übertroffen hat.
Genau der richtige Ort für solche unvergesslichen Momente!
Text: Jas Minchen, Fotos: André Neundorf
Location: Schön & Frölich
Veranstalter: Applaus Kulturproduktionen